artikelaugust2021

Mehr Autonomie wagen! Abschied von alten Beziehungsbildern und Aufbruch ins Neuland.

Diagramm der Gruppendynamik mit den Herausforderungen für die Arbeits- und Lebensfähigkeit der Organisation (Berne 1979)
Zusammenfassung
Menschen lassen sich im Rahmen ihres Arbeitsumfeldes am ehesten auf Veränderung ein, wenn Sie das Vertrauen haben können, dass ihre Befürchtungen gehört und ihre Anliegen berücksichtigt werden. Dieser Praxisbericht zeigt auf, wie die Führungsriege eines Trägers der Behindertenhilfe anhand einer humanistischen Vision eine Wandlung erfährt. Eine von Angst und Befangenheit geprägte Führungskultur erfährt eine Transformation zu einer Kultur der offenen Begegnung und des bezogenen Miteinanders, wesentlich merkbar durch ein verändertes Narrativ der Beteiligten. Die angesprochenen Themen sind Abschied, Trauer, Loslassen, jedoch geht es auch um Mut, Energie, Konfliktfähigkeit und gelingende Beziehungen. Die Autoren begleiten die Organisation seit mehreren Jahren in diesem Entwicklungsprozess zu mehr Autonomie und neu gelebten Beziehungsbildern.
Grummeln in der ungeliebten Komfortzone
Veränderungen werden in Organisationen selten als ersehnter Aufbruch ins Neuland angesehen. Vielmehr werden sie häufig als von aussen gesetzte Umweltbedingungen wahrgenommen, denen sich die Organisation und die dort beteiligten Menschen stellen müssen.
Im beschriebenen Fall waren die Veränderungen, geschehene und absehbare, vielfältig. Wir lernten die Geschäftsführerin eines Trägers der Behindertenhilfe kennen, kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Unternehmen. Gleichzeitig stand als Herausforderung an, das Geschäftsmodell an die neue Gesetzeslage in Nordrhein-Westfalen (Wohn- und Teilhabe-Gesetz NRW und in der Bundesrepublik Deutschland (Bundesteilhabegesetz 2020) anzupassen. Demnach können Anbieter nicht mehr pauschal mit den Kostenträgern verhandeln und abrechnen, sondern die Klienten kaufen als direkte Vertragspartner die einzelnen Betreuungsleistungen und den Wohnraum ein, ggf. auch bei unterschiedlichen Anbietern. Zu guter Letzt hatte eine anonym durchgeführte Befragung der Belegschaft ein erhebliches Mass an Unzufriedenheit mit Arbeitsklima und Führungskultur im Unternehmen offenbart. Eine hohe Krankheitsquote und Abwanderungstendenzen von Führungskräften und Fachkräften in einem leergefegten Personalmarkt für Heilpädagogik und Pflege rundeten ein für Bestand und Arbeitsfähigkeit der Organisation bedrohliches Szenar ab.
So weitermachen wie bisher, darin war sich die neue Geschäftsführung klar, wäre ein Programm ins Desaster gewesen. So kamen wir als Beratungsteam für die interne Organisationsentwicklung ins Spiel. Die Reise, auf die wir uns mit diesem Kunden begeben haben, hat uns über viele Wegstrecken geführt, darunter auch Umwege und Sackgassen, jedoch auch etliche Meilensteine. Gemessen an den 7 grundlegenden Handlungen der Menschheit (Booker 2004) können wir den vorliegenden Fall als eine Geschichte der Wiedergeburt einordnen, in der die in der Organisation tätigen Menschen Eigensinn, Misstrauen und Erstarrung überwinden und zu neuer Lebendigkeit finden. In Kategorien der Transaktionsanalyse ist es eine Geschichte neuer Beziehungsmuster, in denen die Menschen die Fähigkeit wiedergewinnen, ihre Ich-Zustände situationsgerecht mit Energie zu besetzen. Wollen wir eine Heldin in dieser Geschichte ausmachen, so ist sie in unserem Fall als allegorische Figur die Führungskultur.
Risiken und Nebenwirkungen organisationalen Wachstums
Während in der Weihnachtsgeschichte (Charles Dickens: A Christmas Carol) der Geist der alten Weihnacht einen ersten Wandel einleitet, bekamen wir es hier an vielen Stellen mit dem Geist alter Führungskräfte zu tun, die in den Köpfen herumspukten. Beobachtbar wurde das für uns durch die Erzählungen aus früheren Zeiten, die uns als Beleg für die Unlösbarkeit von Problemen angeboten wurden. Das Narrativ einer erstarrten patriarchalischen Führungskultur war fest in den Köpfen verankert. Dieses war das wesentliche Beziehungsmuster, welches von den Menschen in der Organisation gelebt und jeden Tag neu in Szene gesetzt wurde. Es ist eine Beziehung der Abhängigkeit zwischen Eltern und Kind. (Berne 1971)
Die Wirksamkeit alter Beziehungsmuster lässt sich auch daran ermessen, dass uns der Name des Vor-vor-Geschäftsführers bestens erinnerlich ist, obgleich dieser schon seit 5 Jahren aus dem Träger ausgeschieden war, als unsere Organisationsberatung angefragt und ein Veränderungsprozess in Angriff genommen wurde. Wir sind ihm also nie leibhaftig begegnet, jedoch vielmals in der organisationalen Narration.
Der soziale Träger war vor über 50 Jahren von betroffenen Eltern gegründet worden, um angehörige Menschen mit geistiger Behinderung, zumeist die eigenen Kinder, in eine professionelle Betreuung unterbringen zu können. Mit den Jahren ist aus einem ehrenamtlich geführten Projekt eine Unternehmung mit unterschiedlichen Wirtschaftszweigen und mehreren Hundert haupt- und ehrenamtlich Mitwirkenden geworden. Alle eint das Thema der Fürsorge für Menschen, die sich nicht selbst versorgen können.
Als ein Merkmal in der Betreuung von Menschen mit geistiger Behinderung haben wir kennengelernt, dass es betroffenen Eltern schwerfällt, Ablösungsprozesse zu akzeptieren. Die frühkindliche Symbiose erfährt aufgrund der verzögerten Entwicklung des Kindes mit geistiger Behinderung kaum Änderungen. Vielmehr wirken die elterlichen Erfahrungen und daraus resultierende Anweisungen bis hinein in den Alltag der Wohneinrichtungen. Das kann bis hin zu Anweisungen an die Fachkräfte gehen, welche Hemdenfarbe der Bewohner einer Wohneinrichtung zu tragen hat oder welchen Brotaufstrich die Angehörige zum Frühstück immer benötigt.
Von den Fachkräften werden diese Eingriffe als Fremdbestimmung erlebt und als Abwertung ihrer Fachlichkeit empfunden. Die resultierenden Konflikte werden nicht geklärt, sondern zu häufig unterdrückt, denn ihre Führungskräfte sorgen sich um den Ruf der Einrichtung in der Öffentlichkeit bzw. fürchten Anzeigen bei der Heimaufsicht, der Aufsicht führenden Behörde für Wohnheime.
Diese Konfliktvermeidung sehen wir als das zentrale Thema, welches auf Dauer zu Frustration, Misstrauen und Erschöpfung führt. Hier zeigt das überkommene Narrativ der dauerhaften und unveränderlichen Fürsorge seine destruktive Wirkung. Es kommt zu einer Erstarrung der Beziehungsmuster in Fürsorge. Die Wirkung ist, dass die notwendige und fällige Auseinandersetzung mit dem Ziel der Ablösung von den Eltern ausbleibt.
Organisationen sind geronnene Beziehung. Dieses Diktum von Matthias Sell lässt sich hier gut daran zeigen, wie sich die Beziehungserfahrung in einem Parallelprozess durch die Organisation von der Gründung durch die Elternschaft bis hin zur heutigen Organisation mit mehreren Hundert Mitarbeitern zieht. Das Spannungsfeld zwischen den Autonomieentwicklung der Klienten und der Symbiose der Eltern mit ihren Kindern bildet dabei ein Skriptelement für die Organisation.
Diagramm der abhängigen Beziehung, welche sich als Parallelprozess durch alle Ebenen der Organisation zieht
Abschied von der Depression
Darf man eigentlich in der Behindertenhilfe freudig bei der Arbeit sein? Ist es statthaft, auf sich zu achten und dann erst die Klienten in den Blick zu nehmen? – Wer durch die transaktionsanalytische Ausbildung gegangen ist, wird diese Fragen sicher eindeutig mit „Ja“ beantworten. In der beraterischen Praxis allerdings begegnen uns andere Narrative. So auch bei diesem Träger. Sich verausgaben, nur für die Klienten da sein, dem Träger und den Angehörigen der Klienten grollen und immer wieder krankheitsbedingt ausfallen, sind Symptome, die uns begegnet sind. Letztlich sind es direkte Ableitungen aus dem beschriebenen symbiotischen Beziehungsbild.
Die genannten Gesetzesänderungen zielen darauf, Klienten in stationären Einrichtungen mehr Autonomie und Teilhabe zu sichern. Der neue Geschäftsführer hat sich der Vision verschrieben, Partizipation zu ermöglichen. Sein Credo ist, dass alle Menschen in der Organisation eine neue Kultur der Teilhabe erfahren sollen, ganz gewiss auch die Belegschaft. Damit war ein radikaler Bruch mit dem überkommenen Organisationsskript und damit auch der Führungskultur verbunden. Die Inspiration dazu hatte er aus einer klaren Analyse der aktuellen Lage, der auf den Träger zukommenden Anforderungen und aus den Narrativ der partizipativen Organisationen gewonnen, wie es Laloux (2014) u.a. am Beispiel eines niederländischen Pflegedienstes beschreibt.
Damit ergab sich für uns als Aufgabe, die alten Beziehungsmuster durch einen Prozess der Teamentwicklung auf Leitungsebene anzugehen und einen positiven Wandel der Führungskultur zu implementieren.
Unser wesentlicher Ansatzpunkt war es, in gemeinsamen Workshops mit den Leitungskräften aus den verschiedenen Geschäftsbereichen ein gemeinsames Kommunikationsverständnis zu entwickeln. Unser Augenmerk lag darauf, einen schutzvollen sozialen Raum zu bieten, in dem die Gruppe eine offene Gesprächsatmosphäre erleben und Vertrauen aufbauen konnte. Dies diente als Voraussetzung dafür, die Konfliktfähigkeit in der Gruppe zu fördern und neue Lösungsräume zu eröffnen.
Strokes, wertschätzende Konfrontation, Anerkennung des bisher Geleisteten und gemeinsame Visionsentwicklung waren Elemente unserer Arbeit mit diesen Führungskräften. Unsere Moderation in der Gruppe haben wir bewusst als Rollenmodell eingesetzt, um eine Okay-Haltung als wirksame Alternative zu autoritären Verhaltensmustern zu modellieren und so soziales Lernen zu stimulieren (Bandura 1979).
Allmählich hat sich in dieser Gruppe die Fähigkeit entwickelt, Konflikte auszuhalten und lösungsorientiert zu konfrontieren. Solche Konfrontationen haben wir in der Moderation auch unmittelbar gegenüber der Gruppe vorgelebt. Das in dieser Situation von uns wahrgenommene Risiko des Beziehungsabbruchs stellt ebenfalls einen Parallelprozess dar, der die Befürchtungen der Führungskräfte gegenüber Beziehungserfahrungen mit Angehörigen von Klienten, also ihren Auftraggebern, spiegelt. Indem wir diese Prozesse offengelegt haben, konnten wir in und mit der Gruppe Krisen und Konflikte erleben, reflektieren und meistern. Gerade durch solche neue Beziehungserfahrungen haben wesentliche Lern- und Wachstumsprozesse Raum bekommen, die Schritte im Prozess der Autonomieentwicklung von einer Abhängigkeit hin zu einer Bezogenheit bedeuten. (Godard & Lenhardt 2000, S. 112f.)
Wir erinnern uns gut an einen Workshop, in dem wir die Führungskräfte dabei begleitet haben, ihr bisheriges Qualitätsmanagement-System in einer Zeremonie zu Grabe zu tragen. Diese schwere Entscheidung hat die Gruppe verantwortlich getroffen, nachdem sie das Arbeitsergebnis unzähliger Arbeitsgruppenrunden als zu formalistisch, bürokratisch, und letztlich nicht umsetzbar beurteilten. In vollem Bewusstsein, unzählige Arbeitsstunden zu opfern und neu ansetzen zu müssen, haben die Führungskräfte als Kollektiv diese Entscheidung eigenständig getroffen, d.h. ohne inhaltliche Beeinflussung durch den Geschäftsführer, jedoch mit der Erlaubnis, eine Entscheidung dieser Tragweite zu treffen. Der Mut und die Entscheidung, hier Verantwortung zu übernehmen bedeutet aus unserer Sicht einen weiteren Meilenstein, der eine neue Erfahrung der Selbstwirksamkeit für die Führungskräfte ermöglicht und als Erfahrungsschatz erlebter Partizipation in das gemeinsame Narrativ der Organisation Eingang gefunden hat.
In der Beratung sozialer Einrichtungen legen wir Wert darauf, die Bewusstheit für die Selbstfürsorge zu thematisieren. Wir sind davon überzeugt, dass mit Blick auf die zeitliche, körperliche und emotionale Arbeitsbelastung der Mitarbeitenden es für den langfristigen Erfolg einer sozialen Einrichtung hilfreich ist, die Führungskultur mit der Salutogenese (Antonovsky 1997) zu verbinden. Wir haben daher im Prozess der Leitbildentwicklung auch Informationen zur Salutogenese, also des Erklärungsmodells, welche Faktoren für die Gesundheit förderlich sind, angeboten. Den Führungskräften bietet sich hierbei die Chance, ihr Führungsverhalten an den Kriterien Verstehbarkeit, Sinnhaftigkeit und Handhabbarkeit auszurichten und so die Voraussetzungen für ein gutes Kohärenzgefühl (stimmige Verbundenheit mit sich und der Welt) zu schaffen.
In einem Workshop haben wir die Führungskräfte begleitet, sich über ihre Wünsche, sowohl als Führende, wie auch als aktiv Folgende, auszutauschen. Entstanden ist aus diesem Prozess eine Visionsvereinbarung zur Unternehmens- und Führungskultur in Form eines Leitbildes. Die als patriarchalisch empfundene Führungskultur anzugehen, war eine zentrale Aufgabe, wenn es erfolgreich Schritte hin zu „Partizipation“ geben sollte. Zu einen galt es, eine Vision davon zu entwickeln und zu vereinbaren (Visionsvertrag), wie ein partizipatives Miteinander aussehen sollte. Zum anderen galt es, danach und dann fortlaufend in der täglichen Praxis miteinander auszuhandeln (Missionsvertrag), wie das partizipative Miteinander gelebt werden soll. Was wir hier implementiert haben, sehen wir als einen Prozess des emergenten, d.h. nicht vorhersehbaren, Wandels in der Organisation (Laugeri 2011). Diesen Prozess verstehen wir als einen Lernprozess für alle Beteiligten, welcher sich täglich aktualisiert, und daher nicht abgeschlossen wird.
Ein neues Leitbild ist noch nicht die neue Praxis. Jedoch ist es Ausdruck dafür, sich auf einen gemeinsamen Weg einzulassen, auf dem Kooperation und Vertrauen im Mittelpunkt stehen. Wir haben es als einen wichtigen Schritt wahrgenommen, indem sich die Haltung der Beteiligten auf eine Ok-Ok-Haltung und somit ein „Voran kommen“ („Get-on-with“, Ernst 1971) ausrichtet.
Visionsvertrag Leitbild des sozialen Trägers
Lebenslanges Lernen und Entdecken
Wir kommen nun zum vorläufigen Ende unserer Geschichte der Neugeburt einer Führungskultur. Wohin sind wir gekommen, wohin geht die Reise und was waren die Erfolgsfaktoren?
Die Organisation des Trägers der Behindertenhilfe hat sich verändert, neues Personal ist in die Belegschaft eingetreten, Projekte für neue Wohnformen sind auf dem Weg. Besonders in der Krise der COVID-19 Pandemie hat die Belegschaft Resilienz und Kreativität gezeigt. Werkstätten für Behinderte mussten schliessen, Kontaktbeschränkungen und Hygienevorschriften haben die Wohneinrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung besonderen Belastungen ausgesetzt. Alles dieses konnte aufgefangen werden und die in der Organisation Tätigen haben Lösungen gefunden, indem sie gelernt haben, Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungsräume zu nutzen.
Ganz wesentlich unterstützt wurde dieser Prozess durch die unzweifelhafte Haltung des Geschäftsführers, diesen Weg mit Geduld und Beharrlichkeit zu gehen. Allen Beteiligten wurde mit der Zeit klar, dass sich hier eine neue strategische Ausrichtung Bahn bricht, die nichts weniger als die Erneuerung der vorherrschenden Beziehungsmuster zielt und daher auch eine Veränderung der Führungskultur notwendig macht.
Diese Beharrlichkeit haben wir im Beratungsprozess über mehrere Jahre aufgenommen und über periodische Impulse einen allmählichen Aufbau von Vertrauen in die Wege geleitet, der eine Kultur des gemeinschaftlich lösungsorientierten Umgangs miteinander ermöglicht. Eine neue „Grammatik der Beziehungen“ hat sich Bahn gebrochen (Sell 2009), durch welche alle Beteiligten ihre Beziehungen flexibler zu gestalten wissen. Solche Wandlungsprozesse der Unternehmenskultur benötigen Geduld und langen Atem, wenn die beteiligten Menschen mitgenommen werden sollen. Unser Kunde, der Träger der Behindertenhilfe, ist auf dem selbstbestimmten Weg in seine Zukunft.
Es stellt sich zuletzt die Frage, welche Rückwirkungen hatte dieser Transformationsprozess auf alle Beteiligten, auch für uns als Beratungsteam?
Eine klare humanistische Haltung, Vertragsarbeit, der Aufbau tragfähiger und damit auch konfliktfähiger Beziehungen als positiver Parallelprozess waren Elemente unserer Arbeit. Wir haben gelernt, Prozessschritte zu planen und die Planung tagesaktuell an nicht vorhersehbare Ereignisse anzupassen, wobei eine hohe Flexibilität und eine Bandbreite an Methoden aus der Transaktionsanalyse und aus anderen Bereichen uns hilfreich waren.
Das wichtigste jedoch war es, dass wir mit unseren Kunden das beiderseitige Wagnis der Begegnung (Liechti-Genge 2018) eingegangen sind. Gemeinsames Erleben im gemeinsamen Begegnungsraum ist das eigentliche Element der Veränderung. Menschen lernen in Beziehung. Begegnung ist auch für uns als Beratende ein zweiseitiges Geschehen und für beide Seiten etwas Existenzielles. Wir bringen uns mit unseren Persönlichkeiten als Kirsten und als Elmo in den Prozess ein. Jede Begegnung birgt das Risiko von Konflikten und auch mit dem Risiko des Scheiterns von Beratungsprozessen. Dabei sind Prozesse, in denen auch punktuell Stillstand, Rückschritte und Zweifel Raum haben dürfen, fruchtbar, wenn sie in einer offen lernbereiten Atmosphäre reflektiert werden. So werden sie zum Initial der Umbildung der eigenen Identität durch die Begegnung als Angebot und Gelegenheit zur Veränderung.




Literatur
Antonovsky, A. (1997). Salutogenese. Zur Entmystifizierung der Gesundheit. Tübingen: dgvt.
Bandura, A. (1979). Sozial-kognitive Lerntheorie. Stuttgart: Klett-Cotta.
Berne, E. (1979). Struktur und Dynamik, von Organisationen und Gruppen. München: Kindler.
Berne, E. (1971). Spielarten und Spielregeln der Liebe. Psychologische Analyse der Partnerbeziehung. Reinbek bei Hamburg: Rowolt.
Booker, Chr. (2004). The Seven Basic Plots. Why we tell stories. London: Bloomsbury.
Ernst, F. (1971). The OK Corral: The Grid for Get-on-With. In: Transactional Analysis Journal, 1:4, 33-42
Godard, A. & Lenhardt, V. (2000). Transformational Leadership. Shared Dreams to Success. New York: Pelgrave.
Laloux, F. 2014). Reinventing Organisations. Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. München: Vahlen.
Laugeri, M. (2011). Emergenter Wandel und Transaktionsanalyse. Schlüssel für den hierarchischen Dialog. In der Übersetzung von Chris Altmicus. Nyon: LTCO.
Liechti-Genge, F. (2018). Das Wagnis der Begegnung gestalten. In: „Rationalität“, Festschrift zum 70. Geburtstag von Matthias Sell, herausgegeben von Georg Franzen (S.164ff.). Hannover.
Sell, M. (2009). Beziehungsformen als Element konsequenter transaktionaler Denkweise. In: ZTA, Heft 2 · 26.Jahrg. (S.101-119). Konstanz.



Kirsten Jetzkus
ist Dipl. Sozialarbeiterin und PTSTA im Anwendungsfeld Beratung.
Guglielmo Menon
ist Dipl. Kaufmann und PTSTA im Anwendungsfeld Organisation.

Kirsten und Elmo lieben, leben und lehren in Aachen, im Dreiländereck D-B-NL. Sie sind schwerpunktmäßig im Sozial- und Gesundheitswesen als Supervisoren und Berater tätig. Die Begleitung von Entwicklungsprozessen und lebenslanges Lernen macht ihnen besondere Freude. PHASEFÜNF Institut für Transaktionsanalyse bildet in Transaktionsanalyse und Supervision aus.

www.phasefuenf.de
mail@phasefuenf.de
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artikelseptember2021

SPONTANEITÄT – vom Anfangen-Können


„Alles, was sich im Bereich menschlicher Angelegenheiten abspielt – jedes Ereignis, jedes Geschehnis, jedes Faktum – könnte auch anders sein, und dieser Kontingenz sind keine Grenzen gesetzt.“(1) Auf dieses Zitat von Hannah Arendt(2) bin ich bei den Vorarbeiten zu meinem Beitrag "Supervision, Neugier, Kontingenz" gestossen, der im Sammelband zur transaktionsanalytischen Supervision erschienen ist(3). Ich sehe in diesem "alles was sich im Bereich menschlicher Angelegenheit abspielt, könnte auch anders sein" eine grosse Nähe zu den Grundsätzen der Transaktionsanalyse, die ebenso davon ausgeht, dass es zu jeder Handlung und jedem Verhalten immer noch andere Optionen gibt. Das hat mich angeregt, mich näher mit dieser Philosophin und Historikerin Hannah Arendt zu befassen. Dabei faszinierte mich ihre Idee den Menschen nicht von seiner Sterblichkeit her zu bestimmen, sondern von seiner Geburt her. In der Geburt erkennt sie das Ereignis, das zur Freiheit führt und es möglich macht, dass Menschen dieses "es könnte auch anders sein" leben können, dass Menschen auch nach einem Zusammenbruch etwas Neues aufbauen können, dass Menschen sich aus der Asche wie Phönix zu neuem Leben aufschwingen können. Spontaneität ermöglicht Anfangen-Können. Auf diese Weise versucht sich dieser Essai dem Leitthema zu nähern, das die DSGTA für die vorliegende Artikelreihe vorschlägt: Zusammenbruch und Aufbau - wie ein Phönix aus der Asche.
Hannah Arendt's Denken ist "vom existenzphilosophischen Ansatz geprägt, den sie, ausgehend von Heidegger, jedoch umkehrt: nicht die Sterblichkeit, sondern die Natalität stellt sie ins Zentrum ihrer Reflexion; nicht die Beschränktheit menschlicher Existenz als die Wand, gegen die er fortwährend stösst, während er versucht, sie einzureissen – ist ihr theoretischer Ausgangspunkt, sondern die Möglichkeiten, die daraus erwachsen. Der Mensch hat sich nicht selbst erschaffen und kann über den Lauf der Dinge nicht völlig autonom entscheiden. Darin aber liegt zugleich seine Freiheit begründet, im Vermögen der Spontaneität, nämlich zu handeln und etwas Neues zu beginnen – ohne zu wissen, was daraus folgt."(4)
Geboren werden
Das erste Kapitel im in vielen Auflagen erschienenen TA-Klassiker von Muriel James und Dorothy Jongeward mit dem Titel "Spontan leben" beginnt so: "Jeder Mensch wird als etwas Neues, Niedagewesenes geboren. Er ist mit allem ausgestattet, was er braucht, um im Leben zu gewinnen. Jeder Mensch kann auf seine Weise sehen, hören, fühlen, schmecken und denken".(5)
Ich bin am 9. April 1958 zur Welt gekommen. Das ist eine Tatsache, von der mein Leben seinen Ausgang nimmt: eine Eizelle meiner Mutter wurde von einer Samenzelle meines Vaters befruchtet und daraus entstand ein winziger Zellhaufen, der sich nach und nach von einem Embryo zu einem Fötus entwickelte und langsam alle nötigen Organe ausbildete, um an diesem bestimmten Tag geboren zu werden. Damit kann mein Leben anfangen. Die eigene Geburt ist etwas, an das ich mich nicht erinnere. Gezeugt werden und geboren werden ist etwas, das ich nicht selbst gemacht habe, das ist an mir geschehen. Es ist Inbegriff dessen, was Berne mit Physis umschreibt, die positive Lebenskraft, die ich von meinen Eltern bekommen habe. Neben der negativen parentalen Programmierung spricht Berne von der "konstruktiven parentalen Programmierung", die unterstützt wird von "jenem Lebensdrang, den man vor langer Zeit einmal Physis bezeichnet hat."(6) Physis kommt aus dem Griechischen und wird häufig mit "Natur"übersetzt. Der Begriff trägt aber weitere Bedeutungen in sich, die sich aus dem griechischen Verb "phyein", "sich der Natur gemäss verhalten" ableiten. Es geht dabei um die "Natur, die nicht nur ein Substantiv, sondern auch ein Verb ist, bezeichnet nicht nur eine Substanz oder einen Bereich, sondern gerade auch Werden, Bewegung, Veränderung, Zeit, Tätigkeiten, Kraft."(7)
Sinnbild für die Physis ist die Geburt. Die Geburt ist das grosse positive Vorzeichen, das vor meinem Leben steht und in meinem Leben wirkt, die Geburt ist DER Anfang. Es ist das umfassendste "ich bin ok", das ich mir denken kann. Und ohne diese Geburt kann ich nicht leben, kann ich nicht Erfolg haben oder scheitern, kann ich nicht zusammenbrechen und neu aufbauen, kann ich nicht brennen und Asche werden, um wieder neu geboren zu werden.
Paradigmenwechsel - von der Mortalität zur Natalität
Erstaunlicherweise sprechen die grossen Philosophen aller Zeiten wenig von der Geburt, sie sprechen mehr von der Sterblichkeit des Menschen und von der Begrenztheit des Lebens. Hannah Arendt bildet da eine Ausnahme. Sie ist wahrscheinlich die erste Denkerin der abendländischen Tradition, die die Geburt als das sinnstiftende und prägende Ereignis des menschlichen Lebens hervorgehoben hat. Für sie ist die Geburt die Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt handeln können. Handeln ist für Hannah Arendt das, was den Menschen in seiner Einzigartigkeit ausmacht. "Sprechend und handelnd schalten wir uns in die Welt der Menschen ein, die existierte, bevor wir geboren wurden, und diese Einschaltung ist wie eine zweite Geburt, in der wir die nackte Tatsache des Geborenseins bestätigen, gleichsam die Verantwortung dafür auf uns nehmen ... Der Antrieb (zum Handeln) scheint in dem Anfang selbst zu liegen, der mit der Geburt in die Welt kam, und dem wir dadurch entsprechen, dass wir selbst aus eigener Initiative etwas Neues anfangen. In diesem ursprünglichsten und allgemeinsten Sinne ist Handeln und etwas Neues Anfangen dasselbe; ... Weil jeder Mensch auf Grund des Geborenseins ein initium, ein Anfang und Neuankömmling in der Welt ist, können Menschen Initiative ergreifen, Anfänger werden und Neues in Bewegung setzen."(8)
Das menschliche Leben ist also von der Natalität, von der Geburt her geprägt und nicht nur auf das Sterben hin ausgerichtet, wie viele Denker uns weismachen wollen. Arendt spricht deshalb ebenso selbstverständlich wie von der Sterblichkeit des Menschen von seiner Geburtlichkeit(9). Und in der Geburtlichkeit liegt die Möglichkeit der Wahl und der Freiheit, die die Einmaligkeit und das "Niedagewesene" eines Menschen ausmachen. Mit den Worten von Hans Saner: "Im Anfangen-Können liegt die Möglichkeit der Freiheit. Die Möglichkeit der Freiheit erscheint mit der Geburt in der Welt und lebt in ihr fort durch die Geburtlichkeit des Menschen. Mit der Geburt beginnt so die Geschichte der Freiheit. Insofern ist die Geburt des Menschen auch die Geburt der Freiheit. Das Wesen der Geburtlichkeit aber ist die Freiheit."(10)
Spontaneität
Hannah Arendt verbindet das Geboren-Sein mit dem Begriff der Spontaneität. Sie schreibt in ihrem Denktagebuch im April 1951 unter dem Stichwort Spontaneität: "Der Mensch wurde geschaffen, damit überhaupt etwas begann, mit dem Mensch kam der Anfang in die Welt(11). Hierauf beruht die Heiligkeit menschlicher Spontaneität. Die totalitäre Ausrottung des Menschen als Menschen ist die Ausrottung seiner Spontaneität."(12) Etwas später notiert sie in ihren Aufzeichnungen: "Die Quelle der Freiheit, die sich als Spontaneität - eine Reihe von selbst anfangen können - äussert, ist das Ereignis. Dieses gibt der Freiheit gleichsam das Material, an dem sich Spontaneität entzünden kann".(13) Die Bemerkung "eine Reihe von selbst anfangen können" paraphrasiert ein Zitat von Kant, der den Begriff der Spontaneität auch schon benutzt und "davon überzeugt ist, dass Menschen in einem anspruchsvollen Sinne frei sind, da sie über die Fähigkeit verfügen, 'unabhängig von (den) Naturursachen ... etwas hervorzubringen ..., mithin eine Reihe von Begebenheiten ganz von selbst anzufangen'".(14) Zugleich bedeutet Anfangen-Können immer auch ein Bruch gegenüber dem Alten und Vorgegebenen. Spontan handeln heisst immer auch das Unerwartete wagen. "Es liegt in der Natur eines jeden Anfangs, dass er, von dem Gewesenen und Geschehenen her gesehen, schlechterdings unerwartet und unerrechenbar in die Welt bricht. Die Unvorhersehbarkeit des Ereignisses ist allen Anfängen und allen Ursprüngen inhärent."(15)
Dieses Anfangen-Können entspricht der Spontaneität. Der Begriff Spontaneität kommt aus dem lateinischen und ist vom Wort "spons (Genetiv: spontis)" abgeleitet was so viel wie "Antrieb, freier Wille" bedeutet. Das Bedeutungsfeld von "spontan" umfasst unter anderem Begriffe wie: "freiwillig", "aus eigenem Entschluss handeln", "eine nicht von aussen gesteuerte politische Aktion". Mein Englischwörterbuch schlägt ergänzend als Übersetzung von "spontaneity""Ungezwungenheit, Natürlichkeit" vor(16).
Auch Eric Berne verwendet den Begriff der Spontaneität. In seinem Buch "Spiele der Erwachsenen" bezeichnet er damit eine Dimension dessen, was er unter Autonomie versteht. "Die Erringung von Autonomie manifestiert sich in der Freisetzung oder Wiedergewinnung von drei Fähigkeiten: Bewusstheit, Spontaneität und Intimität".(17) Unter dem Stichwort Spontaneität notiert er: "Spontaneität bedeutet in gewissem Sinn Option: die Freiheit, seine Empfindungen aus dem verfügbaren Assortiment (Empfindungen auf der Ebene des Eltern-Ichs, des Erwachsenen-Ichs und des Kindheits-Ichs) auszuwählen und auszudrücken. Sie bedeutet auch Befreiung: Befreiung von dem Zwang Spiele zu spielen, und nur die Empfindungen zum Tragen zu bringen, die einem von anderen beigebracht worden sind."(18)
Ich weiss nicht, ob Eric Berne Hannah Arendt's Schriften gekannt hat, sie waren ungefähr gleich alt und teilten als Angehörige des Judentumes ein ähnliches Schicksal und wurden beide erst im mittleren Alter US-Bürger. Und beide wurden in ihren jeweiligen Fachkreisen als "Aussenseiter" wahrgenommen. Beide plädieren für ein "Denken ohne Geländer"(19). Was ich vermute, ist, dass er genau so gut wie Hannah Arendt wusste, dass schon Kant von Spontaneität geschrieben hat als einem Element der praktischen Freiheit. Und Kant ist es auch, der den Begriff der Autonomie in der abendländischen Denktradition (wieder)einführt. Spontaneität und Autonomie gehören schon bei ihm zusammen und Berne hat sicher nicht zufällig auf diese Begrifflichkeiten zurückgegriffen.
So ist es leicht nachvollziehbar, dass Spontaneität eine Fähigkeit ist, die dazu beiträgt, Autonomie zu erringen. Und Autonomie kann als Frucht der Geburtlichkeit verstanden werden. Als Bedingung der Möglichkeit von Freiheit und damit auch von Veränderung und Anfangen-Können.
Zusammenbruch und Aufbau - das Mysterium der Wiedergeburt
Die Möglichkeit der Freiheit eröffnet die Möglichkeit des Gelingens ebenso wie die Möglichkeit des Scheiterns. Scheitern muss aber nicht das Ende bedeuten. Im Scheitern - wie schlussendlich auch im Sterben - kann immer auch die Möglichkeit eines Neuanfangs stecken. Und dieser Neuanfang kann dann verstanden werden als Re-aktivierung der Geburtskräfte, oder wie vielleicht Berne sagen würde, der Physis.
In vielen Kulturen und Religionen wird in diesem Zusammenhang von Wiedergeburt gesprochen, was vom Bild her gut in den Ansatz der Geburtlichkeit von Hannah Arendt passt. Der Religionswissenschaftler Mircea Eliade hat in seinem Buch "Das Mysterium der Wiedergeburt"(20) zahlreiche Beispiele aus der ganzen Welt zusammengetragen, wie Menschen mit symbolischen Handlungen und mythologischen Geschichten versucht haben dem Geheimnis des Neuanfangens auf die Spur zu kommen. Wiedergeburt bedeutet immer wieder Anfangen-Können.
Dabei geht es strukturmässig immer um einen Prozess, in dem ein Mensch einen rituellen "Tod" erleiden muss, um dann als neuer Mensch "wieder geboren" zu werden. Als exemplarisches Beispiel mögen die Riten der Initiation dienen. Unter Initiation wird der Vorgang verstanden, in dem ein Kind zum Erwachsenen wird, der Knabe zum Mann, das Mädchen zur Frau. In den meisten Initiations-Riten - und bezeichnenderweise wird der Begriff der Initiation (lateinisch für "Anfang") gewählt - geht es darum, dass die Kinder ihr "Kind-Dasein" verlassen müssen, dass sie je nach dem rituell gestaltet als Kinder "sterben" müssen, um dann als Erwachsene "neu geboren" zu werden. Oft sind mit diesem rituellen Tod schwere Prüfungen verbunden. Die Jugendlichen müssen sich allein in der Wüste oder im Dschungel durchschlagen, sie müssen hungern, Entbehrungen erleiden, werden durch Tattoos oder anderen rituellen Handlungen gekennzeichnet oder bekommen einen neuen Namen. Wichtig bei diesen Initiationen ist, dass damit etwas Neues beginnt, ein neuer Anfang gesetzt wird, die Geburts-Physis neu Gestalt findet.
Was religionsgeschichtlich und ethnologisch als "Wiedergeburt" bezeichnet wird, darf uns vielleicht auch als Paradigma dienen, wie Menschen Zusammenbrüche erleben können. Im Wissen und im Vertrauen um die Kraft der Geburtlichkeit kann ein Zusammenbruch auch als neuer Anfang verstanden und erlebt werden. Ich formuliere so vorsichtig mit "kann", weil ich es unmenschlich fände, daraus eine Regel zu machen. Es gibt auch Zusammenbrüche, die in Abgründe führen, die wir nicht ermessen können.
Die "kann-Formulierung" weist zugleich darauf hin, dass ein Zusammenbruch nicht ins Nichts führen muss, sondern eben auch als Durchgang zu etwas Neuem erlebt werden kann. Ein Zusammenbruch kann zu einem Neuanfang führen. Beratende wissen das und bauen darauf. Es scheint sogar zur menschlichen Existenz zu gehören, solche Reisen zu wagen und zu bestehen. Schon Eric Berne bezieht sich bei seiner Darstellung des Skripts auf die Tradition der "Heldenreise"(20). Dieses mythologische Muster des "hero" erzählt von der Abenteuerfahrt, die zu bestehen ist, durch Prüfungen und Kämpfe aller Art hindurch, bis zur erlösenden Wiedergeburt in ein neues, geläutertes Leben. Ich glaube, dass Berne seine Idee von Skript auf diesem Hintergrund entworfen hat. Um Autonomie zu erringen, muss ein Mensch diese "Heldenreise" bestehen um dann als neuer Mensch "skript-frei" und autonom, oder mit anderen Worten "spontan" leben zu lernen. Das ist die transaktionsanalytische Idealvorstellung. Praktisch hilft das Bild des Durchgangs und der Wiedergeburt, einen Sinn und ein Gefühl für das Anfangen-Können zu entwickeln. Auch kleine Anfänge können Grosses bewirken.
Ausflug in die christliche Tradition
Wenn von Geburtlichkeit und Wiedergeburt die Rede ist, werde ich als Mensch, der spirituell in der christlichen Tradition beheimatet ist, unweigerlich an die beiden grossen Festzyklen des Christentums erinnert.
Auf der einen Seite der Weihnachtsfestzyklus, der die Geburt des Retters feiert. Auch die grosse Heilsbewegung, die sich in der Figur von Jesus, dem Christus abzeichnet, beginnt mit der Geburt. Diese Geburtsgeschichte nimmt viel von dem auf, was Hannah Arendt in ihrem Ansatz der Geburtlichkeit hervorhebt. Sie formuliert es als Jüdin wie folgt: „Dass man in der Welt Vertrauen haben und dass man für die Welt hoffen darf, ist vielleicht nirgends knapper und schöner ausgedrückt als in den Worten, mit denen die Weihnachtsoratorien 'die frohe Botschaft' verkünden: 'Uns ist ein Kind geboren.'"(22)
Auf der anderen Seite steht der Osterzyklus. Hier berühren sich die vielfältigen symbolischen Dimensionen von Sterben und Wiedergeborenwerden mit der Grundbewegung des Christus-Ereignisses. In der christlichen Tradition bildet der exemplarische Durchgang durch Sterben und Tod zu neuem Leben, der sich in den christlichen Festen von Karfreitag und Ostern widerspiegelt den Kern christlichen Glaubens. Der Weg des Menschen Jesus von Nazareth kann durchaus als "Heldenreise" durch den Tod hindurch zu neuem Leben verstanden werden, wodurch er sich in Christus, den Retter verwandelt und zum grossen "Anfänger" wird. Und es mag erstaunlich sein, aber passend, dass in einer der ältesten Kirchen in Rom - Santa Prassede - im byzantinischen Mosaik über der Aspis neben der Christusdarstellung auf der linken Seite auf einer Palme ein Phönix sitzt.
Spontan leben - ein Phönix werden?
"Spontan leben" ist der Titel des am Anfang zitierten Buches von Muriel James und Dorothy Jongeward. Für einmal gefällt mir der deutsche Titel besser als der englische Originaltitel "born to win". Autonomie ist und bleibt das Ziel aller transaktionsanalytischer Arbeit. Und um diese zu erringen, gilt es nach Berne bekanntlich Spontaneität freizusetzen oder wieder zu erlangen. Spontan leben würde dann heissen, sich klar zu werden, dass eben "alles, was sich im Bereich menschlicher Angelegenheiten abspielt – jedes Ereignis, jedes Geschehnis, jedes Faktum – auch anders sein könnte.“
Spontan leben würde dann heissen, dieser Offenheit zu trauen und Anfänge zu sehen und zu setzen, wo ich das bisher nicht gemacht habe. Das heisst nicht, sich einer positivistischen Illusion hinzugeben, alles sei möglich. Das ist ja gerade die Stärke des Ansatzes der Geburtlichkeit, dass ich mir bewusst bin, dass ich nicht alles aus mir heraus machen kann, das Leben ist mir gegeben. Die Frage der Spontaneität ist, was ich daraus mache, was ich damit "anfange".
Ich finde, um ganz die oder der zu werden, die ich bin, ist es gut den Mut und die Entscheidung zu treffen, Spontaneität einzuüben. Spontaneität heisst, sein Leben zu wagen, mit dem Wissen und der Erfahrung, dass das Leben beschränkt ist, dass Zusammenbrüche dazu gehören, dass oft ein kleines "Sterben" auf der Lebensreise unumgänglich ist. Wenn ich mit dem Blick der Geburtlichkeit und der daraus folgenden Möglichkeit der Spontaneität auf mein Leben schaue, werde ich lernen, dass in jedem Abbruch auch ein Anfang sein kann. Ein Leitsatz von Autonomie als Leitziel formuliert Leonhard Schlegel so: "Mut, Entscheidung und Fähigkeit, aus allen, auch aus unangenehmen und schmerzlichen Erfahrungen zu lernen, durch sie zu wachsen und sie nicht zu verdrängen."(23)
Spontaneität kann als Fähigkeit zum Anfangen-Können verstanden werden. Und "die Fähigkeit zum Anfangen-Können erfordert Mut. Denn jeder Anfang birgt Risiken, ist gekennzeichnet durch Entwicklungen und Erfahrungen, die nicht vorhersehbar sind. Zum Anfangen gehört aber auch Vertrauen – zu sich selbst und zu einer Welt, in der man solche Anfänge riskieren muss, der gegenüber man offenbleiben muss und sich auch selbst öffnen, sich zeigen, muss."(24)
Spontan leben heisst also, sich nicht nach den Bannbotschaften des Skripts zu richten, die einen zwingen das Erwartete und Berechenbare zu wiederholen, was zur Ausrottung der Freiheit führt. Muriel James und Dorothy Jongeward schliessen ihr Kapitel zu den Rollenbüchern (wie sie das Skript bezeichnen) mit der Geschichte des Adlers, der bei den Hühnern aufwächst und denkt, dass er ein Huhn ist(25). Erst als jemand in ihm den Adler entdeckt und ihn in die Sonne schauen lässt, schwingt er sich wie ein Adler mit einem Schrei in die Lüfte, ohne zu wissen, was daraus folgt. So stelle ich mir vor, schwingt sich auch der Phönix mit einem lauten Geburtsschrei aus der Asche in die Lüfte der Zukunft.
Wenn die Arbeit mit transaktionsanalytischen Modellen zu diesem Aufschwung beiträgt, ist bereits viel gewonnen. Das ist Einübung ins Anfangen-Können.



Fußnote
1. Arendt (2000), S. 344
2. Hannah Arendt (1906 - 1975) war eine jüdische deutsch-US amerikanische politische Theoretikerin und Publizistin (Wikipedia, zugegriffen am 23.7.21), die auch philosophische Schriften verfasste
3. Liechti-Genge, Franz (2021): Supervision, Kontingenz und die Neugier – ein Essai und daraus folgend ein paar praktische Ermutigungen; in: Karola Brunner, Matthias Sell (Hrsg.): Transaktionsanalytische Supervision in Theorie und Praxis; Paderborn; Junfermann Verlag
4. Sauer (2019) S. 14f
5. James / (1986), S. 17
6. Berne (1983), S. 78
7. Günter (2003), S. 19
8. Arendt (2002) S. 215
9. In den Übersetzungen von Werken von Hannah Arendt wird "natality" mit dem deutschen Kunstwort "Gebürtlichkeit"übersetzt, mir gefällt der Begriff "Geburtlichkeit" den ihr Schüler Hans Saner benutzt, besser.
10. Saner (1979) S. 29
11. Dieser zentrale Satz im Denken Hanna Arendts ist ein Zitat von Augustin aus "De civitate Dei" ("Vom Gottesstaat) XII, 20; latinisch: (Initium) ergo ut esset, creatus est homo, ante quem nullus fuit.
12. Arendt (2020b) S. 66
13. Arendt (2020b) S. 94
14. Beckmann (2005); Beckmann zitiert Immanuel Kant aus: Kritik der reinen Vernunft (KrV A534/B562)
15. Arendt (2020a) S. 216
16. verschiedene Wörterbücher: Duden, Langenscheidt
17. Berne (1967) S. 244
18. Berne (1967) S. 247f
19. So der Titel einer Text- und Briefsammlung von Hannah Arendt
20. Eliade (1957)
21. Im Buch "Was sagen Sie nachdem Sie 'Guten Tag' gesagt haben" nimmt Berne Bezug auf Joseph Campell: Der Heros in tausend Gestalten. Neuere Autoren wenden die "Heldenreise" auch therapeutisch an, z.B. Gilligan / Stephens (2013)
22. Arendt (2020a) S. 317
23. Schlegel (1993) S.211
24. Sauer (2019) S. 28
25. James / Jongeward (1986) S. 124
Literatur
Arendt, Hannah (2000): Wahrheit und Politik, in: Hannah Arendt: Zwischen Vergangenheit und Zukunft. Übungen im politischen Denken, 1. Band, München
Arendt, Hannah (2020a): Vita activa - oder Vom tätigen Leben; München, Piper TB (Original englisch, 1958)
Arendt, Hannah (2020b): Denktagebuch 1950 - 1973; München, Piper TB (Original englisch 2002)
Beckermann, Ansgar (2005): Willensfreiheit - Immanuel Kant;
www.philosophieverstaendlich.de/freiheit/klassiker/kant.html
(zugegriffen am 23.7.21)
Berne, Eric (1967): Spiele der Erwachsenen. Reinbek b.H.: Rowohlt TB (Original englisch 1963)
Berne, Eric (1975): Was sagen Sie, nachdem Sie 'Guten Tag' gesagt haben. Frankfurt a.M. Fischer TB (Original englisch 1970)
Eliade, Mircea (1997): Das Mysterium der Wiedergeburt; Frankfurt a.M.; insel Taschenbuch (Original englisch 1958)
Gilligan, Stephen / Dilts, Robert B. (2013): Die Heldenreise - Auf dem Weg zur Selbstentdeckung; Paderborn; Junfermann Verlag
Günter, Andrea (2003): Weltliebe: Gebürtigkeit, Geschlechterdifferenz und Metaphysik; in: Günter, Andrea (2003): Weltliebe; Königstein; Ulrike Helmer Verlag
James, Muriel / Jongeward, Dorothy (1986): Spontan leben; Reinbek b.h.; Rowohlt TB
Kant, Immanuel: Kritik der reinen Vernunft
Lütkehaus, Ludger: (2006): Natalität - Philosophie der Geburt; Die graue Edition; Kusterdingen
Saner, Hans (1979): Geburt und Phantasie; Lenos, Basel
Sauer, Linda Ana (2019): Politisches Denken - Traditionsbruch und Neubeginn bei Hannah Arendt;
mediatum.ub.tum.de/doc/1478392/1478392.pdf (zugegriffen am 23.7.21)
Schlegel, Leonhard (1993): Handwörterbuch der Transaktionsanalyse; Herder Verlag; Freiburg i.B.




Franz Liechti-Genge
Lehrender und Supervidierender Transaktionsanalytiker im Bereich Bildung und im Bereich Beratung (TSTA-E/C); Supervisor bso; Theologe; Leitungsmitglied Eric Berne Institut Zürich

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