artikeljuli2022

Die Schildkröte, das Krokodil und ich

// Autorin: Isabelle Thoresen //
Das Gefühl von Sicherheit als Basis für Freiheit und Verbundenheit
In vielen psychologischen Fachrichtungen wird die Basis für ein bestimmtes Verhalten in den Gefühlen und dem Geist gesucht – und auch gefunden. Hingegen wird der Körper als (Mit)Entscheidungsträger für unseren Zustand oftmals abgewertet. In diesem Artikel stelle ich die Polyvagal Theorie von Dr. Stephen Porges vor, welche gemäss aktuellem Forschungsstand aufzeigt, dass physiologische, bzw. neuronale Prozesse ausschlaggebend unseren psychischen und geistigen Zustand beeinflussen. Ich zeige auf, wie körperliche Reaktionen direkten Einfluss darauf haben können, mit welchem Bezugsrahmen wir die Welt betrachten und in welcher Grundposition wir uns befinden.

––„Heute haben wir einen Teamworkshop. Ich freue mich auf einen inspirierenden Tag mit unserem Team ausserhalb des Büroalltags. Wir wollen uns reflektieren und Prozesse überdenken. Ich komme im Coworkspace an, einem architektonisch schönen, verwinkelten Gebäude. Es riecht nach gutem Kaffee aus einem Siebträger und mit richtigem Baristaschaum, inklusive Herzzeichnung. Die Stimmung ist heiter. Keine Wolke am blauen Himmel.
Der Moderator präsentiert uns das Tagesprogramm, völlig unerwartet zeichnet er damit eine schwarze Wolke an meinen Horizont: Wir werden Rollenspiele machen. Ich mag keine Rollenspiele. Es liegt mir nicht, Theater zu spielen. Ich sehe mich als Jugendliche in der Oberstufe, als wir diese dämliche Weihnachtsgeschichte spielen mussten, die auf einem anderen Planeten stattfand. Ich hatte schon damals so viel Widerstand, dass ich den Kontakt zu mir verlor und meinen Text vergass. Ich platziere mir selbst einen Rettungsring und teile der eben noch heiteren Runde mit, dass Rollenspiel ein ernsthafter Stresspunkt für mich ist. Als ich dann da vorne sitze und mit minimalsten Angaben zu einer Bewerberin werden soll, die etwas zu verheimlichen hat, rede ich mir mit Herzklopfen ein, dass das schon klappen wird. Mein Gegenüber beginnt das fiktive Interview und schon bei der zweiten Frage beginne ich innerlich zu rotieren. Ich habe den Anspruch an mich, sinnvolle Antworten zu geben, ein schlüssiges Bild zu vertreten, obwohl ich gar kein Bild dieser gespielten Person habe. Gleichzeitig fühle ich mich extrem unwohl, die peinlich blossgestellte Jugendliche sitzt da, die ihre Rolle vergessen hatte. Und so kommt es, dass ich schon nach kurzer Zeit ein Blackout habe. Ich bin wie versteinert. Obwohl mir meine «Interviewerin» keine schwierige Frage stellt, obwohl ich weiss, es spielt überhaupt keine Rolle, was ich antworte, obwohl ich weiss, dass dies ein geschützter Rahmen ist und mich meine Kolleginnen trotzdem mögen – ich bringe keinen Satz mehr raus. Es tut mir wahnsinnig leid für mein Gegenüber, da ich sie in diese auch für sie unangenehme Situation reinziehe. Ich rotiere im Engpass und gleichzeitig ist da nur Stillstand im Kopf. Ich fühle mich wie eine Schildkröte, die ihren Kopf eingezogen hat.
Eine Ressource in mir kann ich noch anzapfen und sie rettet mich, wenn auch nicht die Situation. Ich kenne die Funktionsweise der Polyvagal Theorie und ich bin eine Transaktionsanalytikerin. Das Einzige, was ich in dieser Situation sagen kann, ist: «Ich bin blockiert». Damit kann ich mich innerlich auf die Metaebene schwingen, wo ich wenigstens soweit handlungsfähig bin, zu beobachten, was mit mir geschieht. Mir ist es in diesem Moment bereits sonnenklar, was los ist. Trotzdem kann ich es nicht auf die Handlungsebene transferieren. Eine Teamkollegin hält es nicht mehr aus und versucht mich zu retten, indem sie souffliert. Dankbar nehme ich den Strohhalm und wiederhole peinlich berührt ihre Worte, aber auch auf die nächste Frage kommt keine Antwort. Ich werde erlöst, wir brechen ab."––

Die Polyvagal Theorie wurde von Dr. Stephen Porges, einem amerikanischen Professor in Psychiatrie, bereits 1994 erstmals vorgestellt und seither weiterentwickelt. Er betrachtet das Nervensystem aus evolutionsbiologischer Sicht und seine Erkenntnisse können als Paradigmenwechsel gewertet werden(1): Bisher ging man aus neurologischer Sicht von zwei Kreisläufen aus, dem sympathischen Kampf-/Fluchtmodus und dem parasympathischen Ruhe-/Verdauungsmodus. Die Polyvagal Theorie geht von drei neuronalen Kreisläufen aus, das sympathische System bleibt als Mobilisierungsmodus gleich, während das parasympathische System(2) in zwei Systeme aufgeteilt wird, den Shutdown-Modus und den Modus der sozialen Verbundenheit(3).
Diese drei Kreisläufe entstanden im Laufe der Evolution. Evolutionär sehr alte Tierarten, z.B. Schildkröten, reagieren auf bedrohliche Situationen primär mit einem Shutdown- oder Erstarrungs-Mechanismus. Hierbei wird die Energie aus den Extremitäten zurückgezogen, Herzschlag und Atmung verlangsamen sich stark, und es geschieht eine Dissoziation (oder bei Menschen auch eine Ohnmacht). Weil Schildkröten nicht viel Sauerstoff benötigen und kein grosses Gehirn funktionsfähig halten müssen, können sie und gewisse Reptilien beispielsweise mehrere Stunden lang in Sicherheit unter Wasser bleiben, ohne Schaden zu nehmen. Jüngere Reptilienarten, beispielsweise Krokodile, haben bereits ein sympathisches Nervensystem und über dieses eine zusätzliche Möglichkeit für den Umgang mit Gefahr: Mobilisierung (Kampf und Flucht). Dabei erhöht sich der Herzschlag, die Atmung wird intensiviert und die Muskulatur in den Extremitäten wird mit Energie versorgt. Säugetiere (wozu wir Menschen gehören), die phylogenetisch jüngsten Spezies, entwickelten zusätzlich eine gänzlich neue Möglichkeit für den Umgang mit Gefahr: Kooperation. Säugetiere leben in Gemeinschaften. Körperlich gesehen wird viel Energie auf die Kommunikation verwendet, Mimik, Gestik, Intonation der Stimme, etc. und entsprechende Interpretation des Gegenübers. «Ein wichtiges Charakteristikum des neuen Vagus ist seine Verbindung zu Gehirnarealen, welche die Gesichtsnerven und damit unsere Fähigkeit zu hören (Mittelohrmuskeln), zu sprechen (Kehlkopf- und Rachenmuskeln) und uns mimisch zu äussern (Gesichtsmuskeln), vermitteln(4).» Aufgrund verschiedener biologischen und behavioralen Funktionen wie der Fortpflanzung, der Aufzucht ihres Nachwuchses, dem Schlaf und der Verdauung benötigt das Nervensystem von Säugetieren eine Umgebung, in der sie sich sicher fühlen können. Die permanente Einschätzung, ob eine Situation sicher, gefährlich oder lebensgefährlich ist, wurde für ihr Überleben wichtig. Mit allen Sinnen checken sie – wir – jederzeit die Umgebung nach potenziellen Gefahren ab. Dies geschieht primär unbewusst und automatisch. Porges nennt diesen Vorgang «Neurozeption». Kommt das Autonome Nervensystem (ANS)(5) dabei zur Interpretation, dass eine Gefahr besteht, die nicht durch Kommunikation gelöst werden kann, schaltet es automatisch «einen evolutionären Gang» zurück und aktiviert den jeweils nächstälteren Modus(6). Zuerst den Mobilisierungs-Modus und wenn es nicht gelingt, der Gefahr durch Kampf oder Flucht zu entkommen, den Erstarrungs- oder Totstell-Modus (Shutdown). Porges betont: «Ein wichtiger Punkt ist in diesem Zusammenhang, dass wir die physiologischen Schaltkreise oder Zustände nicht durch einen Willensakt auswählen. Unser Nervensystem entscheidet dies ausserhalb unseres Bewusstseins.»(7) Es ist ebenfalls zu betonen, dass insbesondere auch der Modus des Shutdowns ein so kluger wie alter Schutzmechanismus ist: Oft lässt ein Feind von seinem Opfer ab, wenn dieses tot erscheint. So beispielsweise die Maus, die schlaff im Mund der spielenden Katze hängt. Lässt die Katze sie fallen, bleibt sie liegen, bis sich die Katze nicht mehr interessiert und die Maus davonrennen kann. Und selbst wenn dieser Trick nicht funktioniert, führt die Dissoziation dazu, dass das Opfer von der traumatischen Situation in diesem Moment nichts oder nicht viel mitbekommt.
Diese drei (bzw. fünf(8)) Kreisläufe sind in allen Lebenssituationen aktiv, sowohl im grossen Stil in Situationen grosser Gefahr als auch im kleinen Stil in Alltagssituationen. Wir brauchen alle diese Modi, um leisten, schlafen oder diskutieren zu können. Aus dieser Sicht bedeutet Gesundheit, uns adäquat zwischen diesen Ebenen zu bewegen und nicht in einem Modus hängen zu bleiben. Es ist leider möglich, viele Jahre oder ein ganzes Leben hauptsächlich in einem der Modi zu verbringen. Dies sind dann in der Regel traurige (Krankheits-) Geschichten mit viel Aggressionen oder Ohnmachtsgefühlen.
Zusammenspiel Körper/Geist/Psyche/Verhalten. Thoresen/Kernland 2022
Aufgrund der Beobachtung meines eigenen Verhaltens / Denkens / Fühlens / Spürens und meiner Arbeit als Craniosacral Therapeutin, Coach und Casemanagerin bin ich überzeugt, dass diese verschiedenen Modi nicht nur unterschiedliche körperliche Reaktionen und Verhaltensweisen hervorrufen, sondern sinnvollerweise auch auf der psychischen und geistigen Ebene unterschiedliche Bezugsrahmen haben. Diese Bezugsrahmen wechseln gleichzeitig mit den Modi, bzw. sind mit ihnen eng verwoben. Als anschauliches Alltagsbeispiel: Wer mit einer Grippe im Bett liegt, kann sich in diesem Moment normalerweise nicht wirklich vorstellen, an einer fröhlichen Party teilzunehmen. Der Bezugsrahmen dieser Person beinhaltet in diesem Moment auch nicht die Vorstellung, wie sich dies tatsächlich anfühlen würde, offen und kommunikativ zu sein. Und selbst wenn sie trotzdem an der Party teilnehmen würde, hätte sie kaum Zugang zum Bezugsrahmen der sozialen Verbundenheit - sie würde ziemlich sicher zurückgezogen in einer Ecke sitzen. Und das ist alles genau richtig so, denn um gesund zu werden, benötigt diese Person ja auch Ruhe.
Als Craniosacral Therapeutin arbeite ich mit dem Körper und mit verschiedenen Techniken und Handgriffen auch direkt mit dem Nervensystem der Klienten. Gelingt es, eine Blockade im Zusammenhang mit diesem «sozialen Nervensystem» zu lösen, zum Beispiel über bestimmte Muskeln am Nacken, kann dies den Klienten unmittelbar in einen anderen Modus führen. Beispielsweise von einem Gefühl des Gestresst-seins hin zu wacher Entspannung und Offenheit. Eben war es noch bewölkt und plötzlich ist die Sonne da. Was vorher noch als Problem betrachtet wurde, erscheint in neuem Licht, mögliche Lösungen werden sichtbar und rücken in greifbare Nähe. Der Bezugsrahmen hat sich verändert. Umgekehrt erlebe ich auch Menschen, die positiv und neugierig auf eine kommende Lebenssituation blicken, solange es ihnen gut geht. Sind sie gestresst, verändert sich der Bezugsrahmen und sie sehen nur noch Schwierigkeiten. Die Shifts zwischen den verschiedenen Modi und deren Bezugsrahmen können mitunter sehr deutlich wahrnehmbar sein. Im Alltag gehen sie aber in der Regel sehr subtil vor sich, so dass weder wir selbst noch das Umfeld sie direkt erfassen. Um beim Bild des Wetters zu bleiben ist dies mit einem typischen Apriltag zu vergleichen. Sonne, Wolken, Regen wechseln sich so oft ab, dass wir dem kaum Beachtung schenken. Richten wir jedoch den Blick und unsere Sensoren auf die Shifts aus, so können wir sie mit etwas Übung wahrnehmen. Mimik, Blick, Haltung und Stimme verändern sich.
Meines Erachtens bietet die Polyvagal Theorie eine zusätzliche körperliche Fundierung, die mit verschiedenen TA-Konzepten verbunden werden kann. Wenn wir beispielsweise die Grundpositionen nach Franklin Ernst betrachten, so wird klar, dass die +/+ Haltung (get on with) mit dem Modus der sozialen Verbundenheit und dem entsprechenden Bezugsrahmen in Verbindung steht. Wir sind im Kontakt mit dem Gegenüber, fühlen uns wohl und schätzen die Situation als sicher ein. Stört ein bewusstes oder unbewusstes Signal oder Erfahrung diese Position, werten wir uns selbst oder das Gegenüber ab und gehen damit in einer mehr oder weniger subtilen Art in eine Kampfposition +/- (get rid of), oder in den Fluchtmodus -/+ (get away from), was beides mit dem Mobilisierungs-Modus verglichen werden kann. In der -/- Haltung (get nowhere) befinden wir uns im Erstarrungs-Modus. Hier fühlen wir uns handlungsunfähig und werten sowohl uns selbst auch unser Gegenüber ab. Ich gehe davon aus, dass die Bildung des Skripts stark mit diesen verschiedenen neurologischen Kreisläufen zusammenhängt. Wird beispielsweise ein Baby für eine bestimmte Zeit allein gelassen und fühlt sich in diesem Moment unsicher oder hat Schmerzen, so erscheint dies aus Sicht (bzw. Neurozeption) des Kindes unter Umständen als lebensbedrohlich, während es aus Sicht der Mutter im Zimmer nebenan völlig anders gewertet wird. War diese Situation entweder stark traumatisch oder wiederholt sich diese Erfahrung im Laufe der Zeit und festigt sich dadurch, wird die Erstarrung und Hilflosigkeit zu einem festen Verhaltensmuster auf Stressreaktionen.
Wie Porges betont, ist eine Problematik der Neurozeption, dass unser autonomes Nervensystem eine Situation falsch einschätzen kann und wir in der «akuten» Situation dessen Bewertung ausgeliefert sind. Gleichzeitig ist es möglich, diese Programmierung langfristig zu einem gewissen Grad zu modifizieren. Körper, Geist und Psyche sind untrennbar miteinander verwoben. Gelingt über einen dieser drei Zugänge eine Veränderung, so beeinflusst diese alle drei. Wird durch Selbsterfahrung und Reflektion ein Skriptmuster erkannt, führt dies oft auch zu einer anderen Bewertung einer Situation durch das ANS. Gleichzeitig kann es sein, dass ich eine Situation zwar durchschaue, der Körper aber immer noch im alten Modus bleibt, wie in meinem Beispiel sichtbar. In einem solchen Fall ist davon auszugehen, dass das ANS über die Neurozeption zusätzliche potenziell bedrohliche Sinneseindrücke registriert hat, die mir nicht bewusst sind. Dies können externale Reize wie Geräusche, Gerüche, etc. sein oder auch internale Wahrnehmungen wie unbewusste Emotionen, Erinnerungen oder auch Körpergefühle. Um diese auflösen zu können, helfen Bewusstseins- und Achtsamkeitsarbeit jeder Art, Atemübungen, Meditation oder auch im Kontakt mit anderen Menschen zu sein. Über die sogenannte Co-Regulation gleichen sich die ANS zweier Menschen ab. Verspüre ich Angst, während mein Gegenüber Sicherheit vermittelt, kann mein Autonomes Nervensystem vielleicht ebenfalls Vertrauen finden. So lernen Kinder im Laufe des Älterwerdens, dass Situationen, die für sie als Kleinkinder noch bedrohlich wirkten, dies gar nicht (mehr) sind. Einerseits entwickeln sie Fähigkeiten, damit umzugehen, andererseits erkennen sie, dass einige der Situationen per se ungefährlich sind. So ist das Alleinsein für das Kleinkind tatsächlich lebensbedrohlich. Lernt es aber im Laufe der Zeit beispielsweise zu gehen, erlebt es sich als handlungsfähig, wodurch die Bedrohlichkeit abnimmt. Gleichzeitig nimmt es über die Co-Regulation mit den Eltern wahr, dass diese die Situation als nicht gefährlich einstufen und kann dieses Vertrauen ebenfalls verinnerlichen. Die Co-Regulation bildet eine Basis des Zusammenlebens in Gemeinschaften der Säugetiere.

––„Den ganzen Rest des Tages fühle ich mich nicht ganz bei mir, als würde mich eine Glasscheibe von mir selbst trennen. Ich bin hypersensibel. Ein Kommentar des Chefs auf eine Aussage von mir verunsichert mich. Ich glaube wahrzunehmen, dass er mich verachtend angeschaut hat, auch wenn ich haargenau weiss, dass er das nicht getan hat. Aufgrund meines Hintergrundwissens als Körpertherapeutin weiss ich, weshalb ich so sensibel reagiere und auch, was ich aktiv tun kann. Ich mache innerlich einfache Übungen, um wieder in den Zustand der sozialen Verbundenheit zu kommen. Es hilft, aber ich finde nicht zurück zur Leichtigkeit des Morgens. Gegen Ende des Tages schlägt der Moderator ein Feedbackspiel vor. Wir müssen uns gegenseitig Spielkarten mit Attributen verteilen und sie als Stärken oder auch als Schwächen des Gegenübers deklarieren. Und obwohl ich weiss, dass ich weder perfekt bin noch den Anspruch habe, das zu sein, verletzen mich einzelne Rückmeldungen zutiefst, selbst solche, die ich im Nachhinein sogar als Kompliment werten kann. Ich habe kein Schutzschild mehr, ich fühle mich noch immer ausgeliefert, gelähmt. Interessant wird es für mich dann in der Schlussrunde zum Tagesabschluss. Alle sind des Lobes voll und ich überlege mir, ob ich mich einfach anschliessen soll. Aber nein, das wäre gelogen und ich würde in meinem Schildkrötenverhalten bleiben. Ich sage also ehrlich, dass ich mich von meiner Scham nicht erholt habe und mich zum Schluss nun auch noch verletzt fühle. Während dies bei den Anderen Betroffenheit auslöst, merke ich, wie ich wohl rot werde, jedenfalls wird mir ganz heiss. Ich weiss, das ist sehr gut. Die Energie kommt zurück, mein Körper und der erstarrte Teil meines Selbst kommen wieder in die Mobilisierung, ich werde zum Krokodil und kann mit meinem Schwanz um mich schlagen. Ich habe mich gewehrt (get rid of), ich habe es nicht einfach über mich ergehen (get nowhere) und gut sein lassen. Das ist der Schlüssel zur Heilung, das ist mir selbst in diesem Moment sehr bewusst, auch wenn es mir unangenehm ist, mit knallrotem Kopf dazusitzen. Aus Sicht der TA konnte ich in diesem Moment mit einem ersten Schritt aus meinem Skriptverhalten aussteigen und (im Bewusstsein) autonom handeln. Durch das ehrliche Aussprechen meiner Gefühle entstand eine Intimität mit meinen Kolleginnen und Kollegen."––

Dr. Stephen Porges kommt zum Schluss, dass die Grundlage für die soziale Verbundenheit und Kommunikation im Gefühl von Sicherheit liegt. Und über dieses Gefühl wiederum entscheidet der Körper und nicht der Verstand. Mit der Neurozeption schätzt unser Autonomes Nervensystem jede Situation ein und schaltet in den einen oder anderen Verhaltensmodus um und aktiviert den entsprechenden Bezugsrahmen. Für diese Einschätzung bedient sich das Autonome Nervensystem allen bewusst und unbewusst aufgenommenen Informationen unserer Sinnesorgane, sowie unserer Vorerfahrung. Obwohl ich wusste, dass ich sicher bin, schätzte mein Körper die Situation aufgrund meiner Geschichte und dem Gefühl des «auf der Bühne ausgestellt seins» als potenziell «gefährlich» ein. Meine Reaktionskaskade verlief gemäss der entwicklungsbiologischen Hierarchie der einzelnen Verhaltensmodi. Meine erste Reaktion war ein Versuch der Lösung durch Kommunikation. Halbbewusst erhoffte ich mir, dass ich dem Rollenspiel entkommen könnte, wenn ich mich verbal oute. Als ich trotzdem «auf die Bühne musste», wäre ich am liebsten aufs Klo und zum Fenster rausgestiegen (Mobilisierung), wenigstens konnte ich mich so lange drücken, bis es nicht mehr ging. Als sich aufgrund der Stresssituation dann das Skript aktivierte, geriet ich in den Modus des Shutdowns. Aus Sicht des Körpers war die Strategie insofern erfolgreich, als die Übung irgendwann abgebrochen wurde und ich der Situation entkam. Auch wenn ich das alles wusste, war es mir an jenem Workshop nicht möglich, den Kontakt zu mir und nach aussen wieder vollständig herzustellen, weshalb ich mindestens teilweise in diesem Zustand der innerlichen Erstarrung, bzw. Dissoziation hängen blieb. Erst als ich mich ganz am Schluss zeigte, kritisches Feedback gab und mich damit wehrte, konnte mein Nervensystem wieder einen Gang hochschalten. Meine Rückkehr in den Modus von Verbundenheit und Sicherheit geschah in weiteren zwei Schritten der Co-Regulation, die ich sehr bewusst erlebte. Am Abend nach dem Workshop gingen wir als Team essen. Es half mir, in entspannter Atmosphäre im persönlichen Austausch zu sein, zusammen zu lachen. Mein Autonomes Nervensystem konnte sich demjenigen meiner Kolleginnen angleichen. Ich begann mich wieder wohler zu fühlen. Trotzdem war ich noch nicht 100%ig bei mir, die gefühlte Glasscheibe zwischen mir und der Aussenwelt wurde zwar dünner, war aber weiterhin spürbar. Der entscheidende Schritt geschah am nächsten Morgen mit einem komplett fremden, nichtsahnenden Menschen, dem ich zufällig begegnete. Ich ging durch die Stadt, ein Schulmädchen kam mir entgegen und lächelte mich an. Dieses Lächeln, dieser unbedingte, positive Stroke, ging mir intensiv spürbar wie ein Blitz durch Mark und Bein, die gefühlte Glasscheibe löste sich in einer Millisekunde auf. Und während auf meinem Gesicht ebenfalls ein Lächeln entstand, wusste ich, jetzt bin ich wieder da. Voll und ganz.
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Fazit
Das Gefühl von Sicherheit ist die physiologische Basis für Verbundenheit mit uns selbst und der Aussenwelt. Unser Körper schätzt die Situation kontinuierlich ein und entscheidet autonom darüber, wie wir die Welt in dieser Situation betrachten und in welchem Modus wir auf sie reagieren. Nur im Modus der Verbundenheit mit uns selbst und dem Umfeld können wir Freiheit und Autonomie erleben. Co-Regulation, Bewusstheit, Autonomie, Resilienz, Ruhe und Vertrauen helfen unserem autonomen Nervensystem, auch in schwierigen Situationen im Modus der sozialen Verbundenheit und damit im Kontakt mit uns selbst und dem Umfeld zu bleiben.
Literaturverzeichnis
Ernst, F. (1971), The OK Corral: The Grid For Get-on-with. TAJ 1, pp. 231 ff.
Levine P. A. (1998), Trauma-Heilung – das Erwachen des Tigers – unsere Fähigkeit, traumatische Erfahrungen zu transformieren, Sythesis Verlag, Essen
Porges, S. W. (2019), Die Polyvagal-Theorie und die Suche nach Sicherheit, G.P. Probst Verlag, Lichtenau/Westf.
Porges, S. W. (2021), Heilen mit der Polyvagal Theorie – Neuronales Training für Körper, Herz und Hirn, G.P. Probst Verlag, Lichtenau/Westf.
Rosenberg S. (2019), Der Selbstheilungsnerv – so bringt der Vagus-Nerv Psyche und Körper ins Gleichgewicht, VAK Verlag, Kirchzarten bei Freiburg
Schlegel, L. (2011), Die Transaktionale Analyse, DSGTA, Zürich
Steward I., Joines V. (2015), Die Transaktionsanalyse, Herder Verlag, Freiburg


Fussnoten
1. Insbesondere in der Traumatherapie fanden seine Erkenntnisse durch die Arbeit von Peter Levine schon vor vielen Jahren erfolgreich Einzug, in anderen Fachgebieten des Gesundheits­spektrums sind sie weiterhin wenig beachtet.
2. Der Vagus-Nerv (X. Hirnnerv) ist einer der Hauptbestandteile des parasympathischen Nervensystems. Porges teilt ihn in einen alten, nicht myelinisierten Teil (Shutdown-Modus) und einen neuen, mit einer Myelinschicht umgebenen Teil (Modus Soziale Verbundenheit) auf.
3. Englisch: Social Engagement System
4. Porges 2019, S. 75
5. Das autonome Nervensystem (kurz ANS) ist der Teil des Nervensystems, der unabhängig von der willkürlichen Kontrolle, «autonom», handelt.
6. Diese Reaktionshierarchie nennt Porges Dissolution.
7. Porges 2019, S. 74
8. Es gibt bei den Säugetieren ausserdem zwei Hybrid-Modi: Im Falle von beispielsweise Spielen oder sportlichem (nicht aggressiven) Wettkampf sind die Kreisläufe der sozialen Verbundenheit und der Mobilisierung aktiv, während im Falle von sinnlicher körperlicher Nähe die Modi von Ruhe (Erstarrung) und soziale Verbundenheit aktiv sind.
Isabelle Thoresen
Transaktionsanalytikerin CTA-O
Dipl. Ing. Prozessmanagement
Craniosacral Therapeutin
Personalfachfrau
welcome@thoresen.ch
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artikelaugust2022

Freiheit und Verbundenheit

// Autor: Sven Golob //
„Am Du werden Wir erst zum Ich.“ – Martin Buber
Das „und“ ist das verbindende Element zwischen Freiheit und Verbundenheit – und doch scheinen sie in einem Widerspruch zu stehen. Welche Freiheit ist aber gemeint? Ist es die Freiheit von oder die Freiheit zu, also die so genannte negative oder positive Freiheit? Als Politikwissenschaftler und Transaktionsanalytiker interessieren mich vor allem die zwischenmenschlichen Dimensionen der beiden Begriffe. Unsere westliche postmoderne, post-industrielle Gesellschaft sieht sich mehreren tiefgreifenden Krisen gegenüber, die jede auf ihre Weise sowohl unsere Freiheit(en) und unsere Verbundenheit(en) beeinträchtigen. Mich beschäftigt jedoch eine sehr spezifische Perspektive auf diese Krisen, oder besser: Katastrophen – die feministische und eman(n)zipatorische nämlich.
Ich möchte die Bedrohungen für unsere Freiheiten und Verbundenheit in Verbindung setzen mit dem Zerfall des patriarchalen Systems. Dieses System wirkt meines Erachtens als Katalysator und Nährboden für die zentrifugalen Kräfte, die unsere Gesellschaften vor eine Zerreißprobe bisher ungeahnten Ausmaßes stellen. Dazu müssen wir allerdings, transaktionsanalytisch informiert, fragen: was ist der Kontext? Worum geht es? Wie ist die Beziehung? Was ist der Vertrag?
FREIHEIT OHNE VERBUNDENHEIT
Das Patriarchat hat keine Adresse und keine Telefonnummer. Das heißt, wir können es nicht befragen. Allerdings hat es, als soziales Phänomen, Symptome, die es sichtbar machen. Gewissermaßen ist das Dilemma der Gender-Identität, dass wir bei näherer, individueller Betrachtung immer unschärfere Konturen sehen. Wir müssen uns dem Patriarchat also aus der Ferne nähern.

Grundsätzlich festzustellen ist die so genannte „Externalisierungstendenz“ bei Männern*(1), also „[die] männliche Tendenz zur Externalisierung, der Abspaltung der eigenen Gefühle“(2). Transaktionsanalytisch gelesen, können wir hier Bezüge zum Skript und zu den Einschärfungen und Antreibern finden.

Der US-amerikanische Psychiater William Pollack hat in seinem Buch „Real Boys“ einen sehr treffenden Rahmen für die Einschärfungen und Antreiber gefunden, die Jungen* beim Heranwachsen internalisieren. Er nennt vier einfache Regeln, den „Boy Code“, die jede für sich beschreibt, wie Traditionelle Männlichkeit (alias toxische Männlichkeit) einen Fokus auf die Freiheit von etwas legt und Verbundenheit verunmöglicht.
1. The sturdy oak
"Männer sollten stoisch, stabil und unabhängig sein. Ein Mann zeigt niemals Schwäche.“(3)

„Sei stark“ wirkt hier als Antreiber sehr direkt, gepaart mit „fühle nicht“ als Einschärfung. Denn die „starke Eiche“ steht stoisch und unverrückbar an ihrem Platz, ist unbewegt (Emotions-los) und lässt sich durch nichts erschüttern. Emotionale Abwesenheit und das Verbot, Schwäche zu zeigen sollen dazu dienen, männliche Dominanz zu sichern. Die Freiheit von jeglicher Gefühlsregung kann natürlich nur durch sozial geduldete Ventile aufrechterhalten werden: Sportstadien, Kreißsäle und Hochzeiten sind einige der wenigen Anlässe, in denen das Patriarchat Schwäche (d.h. Tränen) duldet.
In diesem Zusammenhang erklärt sich auch die in der Corona-Pandemie verstärkt sichtbare Tendenz von Männern*, potentiell gesundheitsschädliches Verhalten zu zeigen. So folgerten gleich drei Studien, die in der Cambridge University Press 2020(4) veröffentlicht wurden, dass das Tragen von Mund-Nasen-Bedeckungen (Masken) eher von Männern abgelehnt werde. Als Gründe gaben die Forschenden vor allem eines an: sexistische Grundeinstellungen. Einfache Schutzmaßnahmen wurden demnach insbesondere von Männern* abgelehnt, deren Männlichkeitskonstruktion auf der Abwehr von Schwäche, der Wahrung zur Schau getragener Unverwundbarkeit und der vehementen Wahrung ihrer „persönlichen Freiheit“ fußt.
2. Give ’em Hell
„Dies ist eine […] Haltung basierend auf einem falschen Selbst, aus extremem Wagemut, Draufgängertum und einer Neigung zu Gewalt.“(5)

Männer*, die dieser Anweisung folgen, zeigen sich gerne als Verfolger: jede Gelegenheit zur Überlegenheit wird ohne Rücksicht auf Verluste genutzt, ja, muss genutzt werden. Denn in der Welt der Traditionellen Männlichkeit gilt noch immer Thomas Hobbes’ „Homo homini lupus est“. Fressen oder gefressen werden.
Ein entfesselter Finanzmarktkapitalismus, der permanente Wettbewerb um die Führungsposition und letztlich das kriegstreiberische „wir gegen die anderen“ zeigen deutlich die verheerenden Konsequenzen dieser dualistischen Weltsicht.

Der männliche Körper, seine ganze Kraft und Energie gehen in der Wirtschaft auf, in der Anerkennung durch Leistung permanent erkämpft werden muss. Im Privaten wird dieser Leistungsdruck in der Haltung gespiegelt, der weibliche Körper müsse „erobert“ werden. So werden aus männlichen Heranwachsenden Ritter mit einer stählernen Rüstung, die Liebe zum Schlachtfeld.
Insbesondere die Einschärfung „sei nicht nahe“ sorgt für eine Form der ambivalenten Entfremdung, die auch in der Sehnsucht nach starken Führungspersonen, dem „starken Mann“ an der Spitze erkennbar ist. Die Identifikation mit der übermächtigen Vaterfigur, die allen Einflüssen von außen trotzt, sorgt bei den von den eigenen Gefühlen entfremdeten Männern* für Orientierung, Stabilisierung und Kohärenz. Gleichzeitig ist da immer das dringende Bedürfnis, im eigenen Rahmen selbst der „starke Mann“ zu sein und Felder der Exzellenz zu finden – um zu guter Letzt doch noch die langersehnten Strokes vom Vater zu erhalten. Und sie dann vom (emotional) abwesenden Vater doch nicht zu bekommen.
3. The big wheel
„Dies ist der Zwang, den Männer und Jungen spüren, Status, Überlegenheit und Macht zu erlangen. Oder, anders verstanden, verweist das ‚big wheel‘ (hohe Tier) auf die Art, wie Jungen und Männer beigebracht bekommen, Scham unter allen Umständen zu vermeiden, eine Maske der Coolness zu tragen, so zu tun, als ob alles in Ordnung und unter Kontrolle sei, auch wenn dem nicht so ist.“(6)
Das Aufschneidertum und das „mansplaining“ (Männer*, die Offensichtliches gegenüber, vor allem, weiblich gelesenen Personen ausführlich zu erklären) sind die Merkmale dieser Leitregel der Traditionellen Männlichkeit. Freiheit von allen Beschränkungen, von dem unbefriedigenden Gefühl der Mittelmäßigkeit und ein verallgemeinerter „sei perfekt“-Antreiber und eine darunterlegende „schaff‘ es nicht (ganz)“-Einschärfung treiben Männer* ins Rampenlicht, um dann im besten Fall als einsame Helden zu sterben (quasi als Ikarus) oder als maximal Gescheiterte die einzig mögliche Form der Freiheit von äußeren Einflüssen und den brutalstmöglichen Zugang zu Zuwendung anderer zu wählen: die Selbsttötung. Die überproportional hohe Suizidrate unter Männern, die mit steigendem Alter und von Jahr zu Jahr zunimmt(7), spricht dazu Bände. Einsamkeit ist der Preis, denn viele Männer* als Summe dieser negativen Freiheiten zahlen und mitunter willentlich in Kauf nehmen.

Dabei gilt es, die Autorität über die eigene Lebenserzählung zu erhalten. Zur Aufrechterhaltung des eigenen Bezugsrahmens und zur Vermeidung der Angst vor Versagen, Beschämung und letztlich zur Abwehr der Skriptbotschaft „schaff’ es nicht (ganz)“ ist jedes Mittel recht. Dabei kann auch die offensichtliche Lüge zur „Ehrenrettung“ zulässig sein, wie die zur Staats- und Verfassungskrise ausgereifte Beschämung des vorigen US-amerikanischen Präsidenten und seine, trotz der wiederholten Entlarvung als Lüge, immer wieder vorgebrachten und mittlerweile von anderen Kandidat:innen perpetuierten Verschwörungsmythen einer „gestohlenen Wahl“, bestens zeigen.

Der große Zampano muss die Show um jeden Preis am Laufen halten, denn sein bedingtes „ich bin okay“ ist durch die Selbsterhöhung, die permanente Leistung und die Entfremdung von jeglicher Intimität erkauft. Wie leicht es zusammenbricht, ist der Stoff moderner Mythen von gefallenen Idolen.
4. No sissy stuff
“Die wahrscheinlich am meisten traumatisierende und gefährlichste Einschärfung, die Jungen und Männern eingebläut wird, ist die sprichwörtliche Geschlechts-Zwangsjacke, die es Jungen untersagt, Gefühle oder Dränge auszudrücken, die (fälschlich) als “weiblich” angesehen werden – Abhängigkeit, Wärme, Empathie.”(8)

Das bringt uns zur nächsten Grundregel: die Ablehnung jeglicher Weiblichkeit. Durch die tendenzielle Abwesenheit der männlichen Erziehungspartner* müssen sich junge Männer* vor allem durch Abgrenzung von Frauen* männlich identifizieren. Der Münsteraner Psychotherapeut Björn Süfke spricht hier auch von „Nicht-Nicht-Männern“: Weil die Mutter kein Mann ist, bleibt nur die doppelte Negation als Ausweg zur Männlichkeit, also die Ablehnung des Weiblichen, das als defizitär wahrgenommen wird. Besonders problematisch ist diese Art der negativen Freiheit, der Freiheit von allem Weiblichen, in Kombination mit dem vorhergehenden Gebot der Stärke und Gefühllosigkeit.

Denn was bleibt übrig, wenn ich mich durch Abgrenzung und Ablehnung identifiziere? Woher kommt ein stabiles Selbst-Gefühl, geschweige denn ein stabiles, realistisches „ich bin okay“? Die hier installierte „du bist nicht okay“-Position gegenüber allen weiblich gelesenen Personen zeigt sich auch in der Tendenz zu männlichen Beschämungen, die insbesondere Initiationsriten und das soziale Miteinander unter Jungen* prägen. Die Gefahr, als „Schwuchtel“ zu gelten, die Abwehr aller Weichheit (insbesondere Homosexualität als „Verrat am Nicht-Nicht-Mann“) führt unweigerlich in ein bedingtes „Ich bin okay/du bist nicht okay/sie sind nicht okay“. Damit sind das Format und der Führungs-„Stil“ einer besonders prominenten Gruppe männlich-dominanter Staatenlenker ausreichend beschrieben.

FREIHEIT ZUR VERBUNDENHEIT
Männlichkeit(en) sind nicht, wie oft behauptet, in der Krise. Denn, wie Richard David Precht feststellt, ist eine Krise ein Wendepunkt, der vor allem durch seinen emotionalen Gehalt Haltungs- und Handlungsveränderung bewirkt. Im Moment lässt sich die Männerkatastrophe (Süfke) eher beschreiben als Engpass zwischen den subtilen kulturellen, exteropsychischen Narrativen und daraus resultierenden, selbsterhaltenden Strukturen von Männlichkeit(en), den damit im Widerspruch stehenden Ansprüchen des integrierenden Erwachsenen-Ichs heutiger Männer* in ihren vielfältigen Rollen. Verstärkt wird dieser Engpass durch fixierte, archaeopsychische Inhalte, die der Abwehr der oben beschriebenen Skriptbotschaften dienen.

Auf dem Weg von der negativen zur positiven Freiheit und zur Homonomie, der bezogenen Autonomie, müssen wir das feministische Projekt des „Empowerment“ und von Anerkennung von und in Diversität, Gleichheit und Inklusivität (englisch Diversity, Equity & Inclusion, kurz DEI) fortführen und in die Breite und Tiefe der patriarchal programmierten Gesellschaft tragen.
Dabei gilt es, Transaktions-analytisch (im eigentlichen Sinne) auf allen Ebenen zu intervenieren. Das ist ein Projekt, das sich über alle vier Anwendungsfelder der TA erstreckt. Das Ziel der bezogenen Autonomie, der Freiheit mit und zur Verbundenheit, ist demzufolge aus meiner Sicht ein emanzipatorischer Auftrag, positive Freiheit mit der gelingenden Beziehungsgestaltung zu verknüpfen.

Diese positive Freiheit zur Verbundenheit ist ein idealistisches Ziel. Das Ideal des Patriarchats ist der Resonanz-arme, entfremdete Realismus. Es ist das Diktat des Status quo, der Unveränderbarkeit und der Alternativlosigkeit. Die progressive, integrative und emanzipatorische hin zu Freiheit, verbunden zu sein, braucht hingegen eine Hinwendung zur Verletzlichkeit, Responsivität und des Engagements. Diese Positionen des Gewinner-Dreiecks sind das Zielbild anderer Männlichkeit(en), die nicht exklusiv (negativ), sondern inklusiv (positiv) Freiheit verwirklichen.
FREIHEIT IN VERBUNDENHEIT
Dass eine solche Redefinition von Männlichkeit(en) transaktionsanalytische Kompetenz benötigt, liegt für mich auf der Hand. Wenn wir uns der mehrdimensionalen Einbettung, ja, Verbundenheit des Menschen bewusst werden, können wir seinen Kontext zum Gegenstand unserer Arbeit machen. Diese Sicht auf „horizontale Probleme“ statt rein intrapsychischer „vertikaler Probleme“ nennt James Sedgwick als den Ausgangspunkt der „Contextual Transactional Analysis“(10). Dieser Perspektivwechsel ändert die Grundlage der TA. Von der individualistischen und anthropozentrischen Sicht auf „bezogene Autonomie“ kommen wir hin zu einer systemischeren, im besten Sinne Umwelt-bewussteren Definition dessen, was Autonomie bedeutet.
Ein „ich bin okay/du bist okay/sie sind okay“ schließt dann auch eine planetare Perspektive ein. Denn zwischen der Freiheit und der Verbundenheit steht die Verantwortung. Für uns selbst, für unser Gegenüber und für alles Leben, mit dem wir auf vielfältige Art verbunden sind.

Das Patriarchat ist auch in seinem offensichtlichen Scheitern Teil unseres Skripts als Spezies und bedarf deswegen auch unserer Aufmerksamkeit. Als System unbewusster Botschaften über uns, die anderen und die Welt ist es in unserem sozialen Miteinander fest verankert. Wenn also eine deutsche Außenministerin von „feministischer Außenpolitik“ spricht, ist damit genau diese Freiheit zur Verbundenheit gemeint: das Mitdenken und Mitfühlen der Konsequenzen politischen Wirkens auf jene, die keine ausreichende Repräsentanz im politischen Willensbildungsprozess haben. Insofern sind Freiheit und Verbundenheit für mich als TA-Anwendenden Teil des idealistischen Zielbilds meiner emanzipatorischen Arbeit. Mit diesem Ideal kann ich meinen eigenen Bezugsrahmen konfrontieren und mit meinen Klient:innen ein neues Vokabular (Sedgwick) von der bezogenen Autonomie entwickeln.
FREIHEIT UND VERBUNDENHEIT
Dieses Vokabular lässt sich transaktionsanalytisch mit Hilfe des Modells der „functional fluency“ beschreiben. Susannah Temple hat mit diesem die funktionale Analyse erweitert, bzw. redefiniert und den Blick geschärft auf nützliche Erfahrungen und Verhaltensweisen, die wir in der Reflexion als Ressource zugänglich machen können. (siehe Abb. 2)

Das Functional-Fluency-Modell hilft uns als Männer*, bezogene Autonomie zu stärken. Indem wir die positiven Aspekte unseres Verhaltens reflektieren und in unserer Verhaltensrepertoire aufnehmen, kann eine neue Intimität entstehen. Wir erhalten Zugang zu unseren Ressourcen und können bewusst positive, korrigierende Beziehungserfahrungen machen.

Dadurch können wir den Boy Code als Blaupause für unser männliches Skript umschreiben und kommen in ein „ich bin okay, du bist okay, sie sind okay“-Haltung. Diese Enttrübungsarbeit bringt unser integrierendes Erwachsenen-Ich zur Entfaltung. Im Hier und Jetzt stärken wir unsere Optionen des Denken, Fühlen und Verhaltens und schalten den Autopiloten veralteter Geschlechternormen ab.

Freiheit in diesem Sinne löst sich von der Vorstellung, dass sie als individualistisches Projekt verwirklicht werden kann und muss. Vielmehr wird uns klar, dass der Kern der Freiheit unsere Verbundenheit ist: sie entsteht im Raum zwischen Menschen, erfordert Augenhöhe, Präsenz und emotionale Verfügbarkeit. Freiheit ist ein gemeinschaftliches Projekt, das im Widerspruch steht zur patriarchalen Vorherrschaft, der von ihr verursachten Entfremdung und Resonanzarmut. Ich betrachte es als gesellschaftliche Aufgabe, zu der die TA beitragen kann und sollte. Es gilt, Verbundenheit als Grundeinheit menschlichen Seins zu begreifen und die Voraussetzungen dafür zu stärken. Ziel ist es, bezogene Autonomie als Summe von gemeinschaftlicher Autorität (Sedgwick), Spontaneität und Intimität zu etablieren. Freiheit und Verbundenheit sind damit Kern transaktionsanalytischer, progressiver und emanzipatorischer Arbeit und für mich Leitprinzipien meiner Arbeit mit Männern*.
tyrannisch
fehlersuchend
strafend
-
dominanter Modus
-
überfürsorglicher Modus
verwöhnend
inkonsequent
erstickend
anregend
organisierend
stabilisierend
+
strukturierender Modus
+
nährender Modus
wertschätzend
verständnisvoll
mitfühlend
wachsam
bewusst
erdend
+
klärender Modus
fragend
einordnend
rational
selbstbewusst
rücksichtsvoll
freundlich
+
kooperativer/ widerstandsfähiger Modus
+
spontaner Modus
kreativ
ausdrucksstark
begeistert
ängstlich
rebellisch
unterwürfig
-
überangepasster/ widerspenstiger Modus
-
rücksichtsloser Modus
egozentrisch
leichtsinnig
selbstsüchtig
Abb. 2: Beschreibung der Verhaltensmodi modifiziert nach Temple (2002 nach Kessel et al., 2021, S. 124)
Literaturverzeichnis
Abreu, L., Koebach, A., Díaz, O., Carleial, S., Hoeffler, A., Stojetz, W., Freudenreich, H., Justino, P., & Brück, T. (2021). Life With Corona: Increased Gender Differences in Aggression and Depression Symptoms Due to the COVID-19 Pandemic Burden in Germany. Frontiers in Psychology, 12, 689396.
doi.org/10.3389/fpsyg.2021.689396
Böhnisch, L. (2013). Männliche Sozialisation: Eine Einführung (2., überarb. Aufl.). Beltz Juventa.
Bwire, G. M. (2020). Coronavirus: Why Men are More Vulnerable to Covid-19 Than Women? SN Comprehensive Clinical Medicine, 2(7), 874–876.
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Gupta, Alisha Haridasani (2020): How an Aversion to Masks Stems From ‘Toxic Masculinity’. New York Times, 22.10.2020 –
www.nytimes.com/2020/10/22/us/masks-toxic-masculinity-covid-men-gender.html?searchResultPosition=1 [aufgerufen am 20.06.2022].]
Hüther, G. (2016). Männer: Das schwache Geschlecht und sein Gehirn (2., unveränderte Auflage). Vandenhoeck & Ruprecht.
Kessel, B., Raeck, H., & Verres, D. (2021). Ressourcenorientierte Transaktionsanalyse: Impulse für eine inspirierte Coaching- und Beratungspraxis. Vandenhoeck & Ruprecht.
Pollack, W. S. (1999). Real boys: Rescuing our sons from the myths of boyhood (1st Owl Books ed). Henry Holt & Company.
Schmale-Riedel, A. (2016). Der unbewusste Lebensplan: Das Skript in der Transaktionsanalyse ; typische Muster und therapeutische Strategien. Kösel.
Schnack, D., & Neutzling, R. (1994). Die Prinzenrolle: Über die männliche Sexualität (22.-24. Tsd). Rowohlt.
Statistisches Bundesamt (Destatis) (2020), „Todesursachen in Deutschland 2019: Suizide“.
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Temple, S. (o. J.). „Functional Fluency“ und die Pädagogen unter den Transaktionsanalytikern. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 4/2002, 251–269.
Temple, S. (2007). Das Functional-Fluency-Modell in der Pädagogik – der neueste Stand. Zeitschrift für Transaktionsanalyse, 1, 76–88.
Webb, M.-A. (2019). A reflective guide to gender identity counselling. Jessica Kingsley Publishers.
Fussnoten
1. Ich verwende hier bewusst den Genderstern, da ich mich auf das soziale Geschlecht beziehe. Menschen, die sich männlich identifizieren sind damit gleichermaßen angesprochen.
2. Böhnisch, 2013, S. 34.
3. Pollack, 1999, S. 23; eigene Übersetzung.
4. Vgl. Gupta 2020.
5. Pollack, 1999, S. 24; eigene Übersetzung
6. Ebd.
7. Vgl. Destatis (2020)
8. Ebd.
9. Transactional Analysis Journal, Vol. 20, Nr. 1, S. 40–4
10. Sedgwick, 2021
Sven Golob
Freiberuflicher Berater & Facilitator für gelebte Gleichberechtigung
Podcast-Host (Hausmannskost Podcast)
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Transaktionsanalytischer Berater DGTA
Zertifizierter Facilitator LEGO® SERIOUS PLAY® Methode
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